An der Jubiläumsveranstaltung der AGCK.CH am 17. November 2021 in Basel wurde eine Podiumsdiskussion mit leitenden Persönlichkeiten der Mitgliedkirchen durchgeführt. Das Thema: Die Zukunft der Ökumene in der Schweiz mit einem Fokus auf den Beitrag der Kirchen für «das Leben der Welt», ausserhalb der jeweiligen Gotteshäuser. Die Diskussion wurde von zwei methodistischen Pfarrerinnen moderiert, Claudia Haslebacher (ganz links auf dem Bild) und Iris Bullinger. Daran nahmen teil (v.l.n.r.): Bischof Dr. Harald Rein, Christkatholische Kirche in der Schweiz, Bischof Dr. Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Pfarrerin Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Bischof Andrej Ćilerdžić, Serbisch-orthodoxe Kirche, Christian Kuhn, Geschäftsleiter des Réseau évangélique suisse und Prof. Dr. Jörg Stolz, Religionssoziologe, als Experte.

Immer mehr Menschen gehören zwar keiner Kirche, haben jedoch Erwartungen an Kirche, so Rita Famos: Kirche soll engagiert, authentisch und ökumenisch sein. Sie muss sich für sozial Benachteiligte engagieren und das jüdisch-christliches Kulturgut pflegen. Für Mitglieder stellen ihre Kirche eine geistliche Heimat dar, die christliche Werte übermittelt und rituelle Begleitung anbietet; die da ist, wenn man sie braucht (spezielle Seelsorge); die einen Ort anbietet, wo man sich punktuell engagieren kann. Für die Kerngemeinde muss Kirche dialogisch und partizipativ sein, also ein Ort sein, wo man sich engagiert. Sie muss eine verlässliche Gemeinschaft sein.

«Was Kirche unglaubwürdig macht, ist Macht und Geld und Missbrauch, auch Missbrauch an der Schöpfung.» Felix Gmür

Hingegen ist Kirche glaubwürdig, wenn sie ihrem Auftrag entspricht, welcher aus dem Evangelium stammt, erinnert er. Die Frage, ob es Unterschiede zwischen kleinen und grossen Kirchen, zwischen Landes- oder Freikirchen gibt, sei überholt. Für Harald Rein haben sich die klassischen Unterschiede aufgelöst, die Kirchen treffen sich in der Mitte, auch theologisch. Ein neues Phänomen sei aber feststellbar: Freikirchen wollen mitgestalten und streben nach staatlicher Anerkennung. Die Grundfunktionen aller Kirchen sind die Gleichen: Gottesdienst, Seelsorge, Verkün-digung, die Erwartungen sind sehr ähnlich. Die Kirchen fokussieren sich immer mehr auf ihre Kernaufgaben. Der einzige Unterschied betrifft heute das Verhältnis von Distanz und Nähe zur «eigenen» Kirche: Für die Mitglieder einer Freikirche ist die Nähe eine Selbstverständlichkeit (bewusste Mitgliedschaft). Bei den anderen Kirchen will jedes Mitglied selbst darüber entscheiden.

«Um zu eruieren, was Kirche ist, muss man auch die Geschichte des Landes kennen.» Andrej Ćilerdžić

Andrej Ćilerdžić empfiehlt allen, die ökumenische Kirchengeschichte der Schweiz zu studieren, das sei nötig, wenn man ein guter Bischof in einem reformierten Land sein will. Die Orthodoxie ist eine Bereicherung für die Schweiz, «wir wollen unseren Beitrag zur Integration leisten».

Was leisten denn die Kirchen für unsere Gesellschaft, das andere Akteure wie Politik, Wirtschaft oder Freizeitvereine nicht leisten können? Die Kirchen sind der Leib Christi; sie sind Trägerinnen des Evangeliums (der Frohen Botschaft). Im Kontext der aktuellen Pandemie wurde ein Bedürfnis nach Spiritualität und Erlösung feststellbar, betont Christian Kuhn. Die Kirchen können Vergebung und Versöhnung mit Jesus Christus anbieten. Durch die Kraft seines Geistes können sie eine Antwort auf das «warum» der Existenz geben.

«Die Freude über den Sieg der eigenen Fussballmannschaft ist niemals mit der Freude vergleichbar, Teil des Leibes Christi zu sein.» Christian Kuhn (Fussball-Fan)

Die Kirchen müssen sich ständig vor Gott verantworten. Das bedeutet Rechtschaf-fenheit, Respekt, ethische Normen und die Kraft, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Die Kirchen können der Gesellschaft wichtige Impulse geben, da das Evangelium auf die Grundbedürfnisse trifft. Die soziale Arbeit der Kirchen stellt einen konkreten Beitrag «ausserhalb des Clubs» dar. Bemerkenswert ist auch das kirchliche Engagement für Religionsfreiheit.

«Die Religiosität nimmt in Europa ab. Die Welt hingegen wird religiöser.» Jörg Stolz

Die Weitergabe des Glaubens «funktioniere» nicht mehr, das ist  ein Generationenphänomen, betont der Experte, das überall in Europa zu beobachten ist, aber auch in den USA und in Australien, in hoch industrialisierten Ländern. Die Welt hingegen wird religiöser! Armut und die Anzahl Kinder in den Familien tragen zur Religiosität bei. Dieser Zusammenhang wird seine Relevanz aufgrund der Migration behalten.ene und interreligiöser Dialog sind sehr wichtig, man wird zusammenarbeiten müssen, das ist vor allem für Migrationskirchen wesentlich. Man muss gemeinsam über Demokratie, Menschen-rechte und Frieden sprechen, das ist einer der wichtigsten Beiträge, die man leisten kann. Den Glauben weiterzugeben ist eine grosse Herausforderung. Junge Menschen wollen gestalten, wollen ihre Sorgen und Themen einbringen. Die Kirchen müssen dafür Räume schaffen – auch für eine Klimajugend – und sie in Berührung mit dem Evangelium bringen.

Berichterstattung: Anne Durrer, AGCK.CH

Welchen Beitrag leistet jede Kirche auf dem Weg zur Einheit?

Römisch-katholische Kirche
Der Papst, einheitsstiftend, sichtbar

Allianz/Réseau évangélique
Die gelebte Bereitschaft, sich mit den anderen zu konfrontieren, voneinander zu lernen, sich in Frage zu stellen

Ev.-reformierte Kirche
Die Erfahrung mit diskursiven und partizipativen Prozessen, als «aufmüpfige Schwester», die nach Gleichstellung und Partizipation strebt. Und: die theologische Bearbeitung aktueller Fragen

Christkatholische Kirche
Vorleben, wie das altkirchliche Konsensprinzip einsetzbar ist

Serbisch-Orthodoxe Kirche
Die westliche Verankerung der Orthodoxie, die die westliche Kultur kennenlernt und vermittelt. Verständnis für den Kontext und für andere Kontexte

Der Diskussion zuhören (Deutsch/Franz.)
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