60 Jahre Nostra Aetate
Am 28. September 1965 wurde die vom Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedete Erklärung «Nostra Aetate» vom Papst in Kraft gesetzt
Nostra aetate (lat. für «In unserer Zeit») so die Anfangsworte der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, die das Zweite Vatikanische Konzil am 26. Oktober 1965 verabschiedete und Papst Paul VI. am 28. Oktober 1965 «promulgierte» und damit für die ganze römisch-katholische Kirche für verbindlich erklärt hat.
Kurt Kardinal Koch im Gespräch mit Rabbiner Pinchas Goldschmidt in der Paulus Akademie Zürich. Moderation: Christian Rutishauser und Jehoshua Ahrens. 23. November 2025 | © Christoph Knoch, Bern
Ein Blick zurück und ein Wort voraus
Psalmen verbinden Judentum und Christentum
Der SIG und die Schweizer Bischofskonferenz haben am Sonntag, 23. November 2025, zur Feier in Erinnerung an 60 Jahre Konzilserklärung Nostra Aetate in die Paulusakademie Zürich zu einem öffentlichen Diskurs zwischen hochkarätigen Vertretungen beider Traditionen eingeladen.
Jaron Treyer setzte mit Psalmen (121 / 104 / 92) den Ton für die Begegnung. Professor Christian Rutishauser, Luzern, und Rabbiner Jehoshua Ahrens, Bern, begrüssten als Co-Präsidenten der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission (JRGK). Bischof Joseph Maria Bonnemain, Chur, und Ralph Friedländer, Bern, überbrachten die Grüsse der Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Beide betonten in ihren Voten wie sich der Lernprozess der beiden doch recht unterschiedlich strukturierten Glaubensgemeinschaften in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. In einer immer säkularer werdenden Gesellschaft sei es wichtig, die anderen besser zu kennen und für die verbindende Glaubensgrundlage klar und deutlich einzustehen. Das 50-Jahre-Gedenken mit Rabbiner David Rosen und Kardinal Kurt Koch in der Basler Synagoge sei unvergessen. Damals haben sie im Gespräch mit Gabriel Strenger an die auf Weltebene absolut bahnbrechende Konzilserklärung von 1965 erinnert, die bis heute ein Meilenstein für das neue Verhältnis von Katholiken und Juden ist. Dass es nach fast 2000 Jahren des Gegeneinanders zu einem bewussten Miteinander gekommen sei, das in der IJCIC (International Jewish Committee on Interreligious Consultations) die verschiedenen jüdischen Strömungen von liberal bis orthodox in einer Gesprächsgruppe zusammengebracht hat, ist ebenfalls ein bleibendes Erbe von Nostra Aetate. Nach Jahren des ausschliesslichen Gesprächs zwischen Juden und Katholiken dient die IJCIC heute auch als Gefäss für den Dialog mit der breiten christlichen Ökumene.
Internationale Ausstrahlung
Pinchas Goldschmidt, früher Oberrabbiner von Moskau, Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz, schlüsselte anhand biblischer und rabbinischer Texte die Bedeutung der Begegnung von Menschen und Religionen auf. Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen (seit 2022: Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen) nahm die Anwesenden mit dem Bild vom Ölbaum auf eine biblische Erkundung im Römerbrief des Paulus.
Vier weise Männer im Gespräch
Der Professor und der Rabbiner liessen den seit Jahren im vertrauten Raum gepflegten Dialog zwischen Oberrabbiner und Kardinal für einmal öffentlich werden. Die Spannungen, die seit dem 7. Oktober 2023 auch da öffentlich wurden, fordern erst recht dazu heraus, das Gespräch nicht abzubrechen, sondern zu vertiefen. Der Wunsch nach Brückenbauern ist gross und Goldschmidt verwies darauf, dass gerade die römisch-katholische Kirche mit ihren Repräsentanten in Israel und Palästina mithelfen kann (und soll), die nötigen Gespräche zwischen den Vertretern vor Ort nach dem Gaza-Krieg in Gang zu bringen. Eindeutig bleibt noch viel Gesprächsbedarf, so beide Theologen, bei der Frage nach Land, (Zwei-)Staaten und Grenzen.
«Selbstverpflichtung, die bleibt»
Zum Schluss des Festreigens haben Rabbiner Ahrens und Professor Rutishauser den auf diesen Tag hin formulierte «Erklärung der Jüdisch/Röm.-kath. Gesprächskommission der Schweizerischen Bischofskonferenz des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes 60 Jahre nach Nostra aetate» erstmals öffentlich gelesen. Der Wunsch aller Beteiligten ist, dass das Wissen und das Verständnis für die je andere Gruppe vertieft und das gemeinsame Lernen weitergeführt werden muss. Ganz klar gilt: «Keine christliche Identität ohne Judentum» und «Keine christliche Praxis ohne Bezug zum Judentum». Nicht nur beim Singen von Psalmen, mit und ohne trinitarischen Abschluss.
Dass ein gemeinsamer Fokus auf die Überwindung und Bekämpfung des Antisemitismus gelegt werden muss, steht ausser Zweifel. Ebenso die Frage dem Einbezug des Islam in den Dialog.
Das Fazit des Textes gilt nicht nur für die römisch-katholische Kirche der Schweiz, für die die Bischofskonferenz einsteht, sondern für alle Christinnen und Christen:
«Worauf wir hoffen „Unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes“. (Röm 11,29) Als Geschwister sind wir einander anvertraut. Vertrauen hat denn auch den Dialog durch die Irritationen und Krisen der letzten sechzig Jahre getragen. Freundschaften sind gewachsen. Partner sind wir geworden. An uns ist es nicht, Dinge zu vollenden, doch wir sind gehalten, sie zu beginnen und beharrlich weiterzuverfolgen. (Avot 5)»
60 Jahre ‹Nostra Aetate›
Eine Veranstaltungsreihe des Vereins Kirche im Haus der Religionen, der Jüdischen Gemeinde Bern und des Muslimischen Vereins Bern:
Der Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen –
gestern, heute, morgen – wichtiger denn je
Podiumsgespräch zum Abschluss der Vortragsreihe
22. Januar 2026,19.00 Uhr: Podiumsgespräch mit Urban Fink, Jehoschua Ahrens und Ramazan Özgü. Moderation: Judith Wipfler, Dr. theol. h.c., Religionsexpertin bei SRF. Über die Zukunft des interreligiösen Dialogs von Jüd:innen, Christ:innen und Muslim:innen.
Ohne Anmeldung. Kollekte.
Hintergrund
FORUM / pfarrblatt Zürich 25. November 2025
Beitrag im Deutschlandfunk: «Revolutionäre Abkehr vom Judenhass: 60 Jahre Vatikan-Erklärung «Nostra Aetate» »
www.deutschlandfunk.de/revolutionaere-abkehr-vom-judenhass-60-jahre-vatikan-erklaerung-nostra-aetate-100.html
Abschnitt 4 über das Judentum ist zur Magna Charta des jüdisch-christlichen Dialogs geworden. Wo stehen wir 60 Jahre danach? Was hat sich in den letzten 10 Jahren seit den grossen Folgedokumenten beider Seiten getan? Welches sind die Fragestellungen angesichts des Israel-Gaza-Konflikts und des neuen Antisemitismus seit dem 7. Oktober? Wie können wir gemeinsame aus der Bibel Orientierung und Inspiration schöpfen?
Die Erklärung erkennt Wahres und Heiliges in den anderen Religionen an und bestätigt die bleibende Erwählung des Judentums, in dem das Christentum wurzelt. Damit relativierte sie den bis dahin exklusiv verstandenen Wahrheitsanspruch der römisch-katholischen Kirche Extra ecclesiam nulla salus («ausserhalb der Kirche kein Heil»): Auch in Religionen ausserhalb der (römisch-katholischen) Kirche gebe es Wahrheiten.


