Friedensgebete beenden keine Kriege. Aber sie verändern diejenigen, die beten.

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«Ein Raum für die Sehnsucht nach Frieden»

Am 24. Februar 2026, vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, versammelten wir uns im Berner Münster zu einem ökumenischen Friedensgebet. Eingeladen hatten die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK), die Berner Kirchen und die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS). Schon beim Betreten der Kirche war spürbar: Dieser Abend war mehr als ein Gedenkanlass. Er war Klage, Fürbitte und Hoffnung zugleich.

«Einen Raum für die Stille inmitten des Lärms der Waffen»

Bischof Felix Gmür leitete den Gottesdienst ein: «Wir wollen beten, dass es in diesem langen Krieg irgendwo einen Raum für die Sehnsucht nach Frieden gibt. Einen Raum für die Stille inmitten des Lärms der Waffen, für die Vernunft inmitten des Wahnsinns der Menschen.» Diese Worte hallten im Kirchenschiff nach. Vier Jahre Krieg – und kein Ende in Sicht. Die Texte, Gebete und musikalischen Zwischenspiele schufen genau diesen Raum: einen geschützten Ort, an dem die Ohnmacht vor Gott getragen werden durfte.

Das Friedensgebet war bewusst ökumenisch gestaltet
Verschiedene christliche Traditionen kamen zu Wort, die Bitten um Frieden verbanden uns über konfessionelle Grenzen hinweg. In einer Zeit, in der Polarisierungen zunehmen, wurde hier erfahrbar, was kirchliche Gemeinschaft bedeutet: gemeinsam vor Gott zu stehen – mit der Welt im Herzen.

Zahlreiche Gäste waren da
Bewegend war ebenfalls die Präsenz offizieller Gäste: Die Botschafterin der Ukraine in der Schweiz Iryna Venediktova sowie Christoph Neuhaus, Präsident des Regierungsrates des Kantons Bern, nahmen am Gebet teil. Ebenfalls wohnte Callista Gingrich, US-Botschafterin in Bern, sowie zahlreiche Vertretenden von (vor allem europàischen) Botschaften dem Friedensgebet bei. Ihr aller Anwesenheit unterstrich, dass dieser Krieg nicht nur eine ferne Tragödie ist, sondern politische, gesellschaftliche und menschliche Realität – auch für uns. Die Botschafterin der Ukraine dankte in ihrem Grusswort allen Engagierten in der Schweiz: Ihre Arbeit ist ein Zeichen der Menschlichkeit, der Solidarität.“ Die Hilfe der Schweiz rette Leben.

Der 24. Februar sei für die Ukraine auch ein Tag des Gebets. Iryna Venediktova sprach von vier Jahren voller Schmerz, aber auch Würde, Widerstand und Hoffnung. «Die Ukraine sucht den Frieden.» Dieser müsse aber ein gerechter Frieden sein. «Wir glauben: Frieden wird kommen!»

Gemeinsam lasen die Gottesdienstbesuchenden Psalm 88. «Christus wir sehen auf dich, komm mit deiner Gerechtigkeit, mit deinem Frieden.» So wandte sicg Rita Famos mit diesen Worten an die anwesenden Ukrainerinnen und Ukrainer: «Nehmen Sie unser bescheidenes Engagement wahr als Zeichen der Anteilnahme. Anteilnahme an Ihrem Kampf für Freiheit und Demokratie, den Sie auch für uns alle kämpfen. Anteilnahme an ihrem grossen Leid und Ihren Entbehrungen, die Sie und ihre Liebesten tragen müssen. Anteilnahme an der Trauer über die vielen Toten, die Sie zu beklagen haben.»

Kultur als Widerstand: Das Kammerorchester aus Bachmut
Im Anschluss an das Gebet spielte das Kammerorchester des Ivan-Karabyts-Fachkollegs Bachmut für Kultur und Kunst. Die jungen Musikerinnen und Musiker stammen aus einer Stadt, die es faktisch nicht mehr gibt. Bachmut, einst Heimat von rund 80’000 Menschen, wurde zu einem der brutalsten Schauplätze des Krieges. Das Fachkolleg wurde 2022 zerstört, Instrumente geplündert, Unterrichtsräume verwüstet, der Konzertsaal bombardiert. Heute arbeitet das Kolleg im Exil in Kamjanez-Podilskyj weiter – unter provisorischen Bedingungen, mit geretteten Archiven und wenigen verbliebenen Instrumenten. Aber: Ihre Musik lebt!

Die aufgeführten Werke ukrainischer Komponistinnen und Komponisten waren mehr als ein Konzertprogramm. Sie waren ein hörbares Zeugnis kultureller Identität. Kultur als Widerstand. Musik als Hoffnung, die auch die Konzertbesuchenden mitnahm. Während die Töne durch das Münster klangen, wurde deutlich: Hier musizieren keine Opfer, sondern junge Menschen mit Würde, Disziplin und Zukunft. «Ihre Musik ist stärker als jeder Sturm», sagte auch Botschafterin Venediktova.

Eine Tournee der Solidarität
Das Konzert in Bern war Teil einer Tournee durch die Schweiz und Liechtenstein (19.–25. Februar 2026), organisiert vom Ukrainischen Kulturverein Prostir Luzern und der Ukrainehilfe Zentralschweiz in Zusammenarbeit mit zahlreichen lokalen Partnern. Die Spenden fliessen direkt in humanitäre und kulturelle Hilfe in besonders betroffenen Regionen wie Charkiw, Donezk/Donbas, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Die Tournee selbst ist durch Fördergelder finanziert – die gesammelten Mittel kommen somit unmittelbar den Menschen vor Ort zugute: für dringend benötigte Ausrüstung, für Versorgung – und auch für Musikinstrumente für Kinder.

Im Konzert erzählte Irina Cherednychenko, Vorstandsmitglied der Ukraine-Hilfe Bern, von ihrem Leben als Geflüchtete in der Schweiz: zwischen unsicheren Nachrichten aus der Heimat, Neuanfang und Sehnsucht. Sie will die Hoffnung auf ein Leben mit all ihren Familienangehörigen in Frieden nicht aufgeben.

Kirche als Ort der Fürbitte und der Verantwortung

Als wir das Münster nach diesem Abend verliessen, blieb die Ambivalenz spürbar: Trauer und Klage, aber auch Hoffnung und Entschlossenheit. Friedensgebete beenden keine Kriege. Aber sie verändern diejenigen, die beten. Sie erinnern uns daran, dass Frieden mehr ist als ein politischer Zustand. Er ist eine geistliche Haltung, ein Auftrag, eine Sehnsucht. In einer Welt, in der Gewalt und Machtansprüche laut sind, braucht es Räume für Stille, Vernunft und Mitgefühl. An diesem Abend war das Berner Münster ein solcher Raum.

Text: Michèle Graf-Kaiser und Stephan Jütte, Ev.-reformierte Kirche Schweiz
Ansprache der Botschafterin der Ukraine 

Die Botschafterinnen der USA und der Ukraine
Die Mitwirkenden, v.l.n.r.: Daniel Konrad, Mariia Kerlan, Judith Pörksen-Roder, Rita Famos, Felix Gmür und Jürg Bräker
Prominente Gäste
Bild des Orchesters
Das Grusswort der Ukrainischen Botschafterin, Irina Venediktova