Wenn wir Pfingsten feiern, denken wir an den Geburtstag der christlichen Kirche. Die Apostelgeschichte erzählt uns die historische Gründung der Kirche, redet über die Apostel, die zusammen mit der Mutter Gottes und den Frauen in Jerusalem versammelt sind und beten (Apg. 1, 13-14), sie spricht über das Herabkommen des Heiligen Geistes in Form von Feuerzungen, über das Wunder des Redens in fremden Sprachen, und über die vielen Völker, die an diesem Tag die Botschaft der Apostel hören (Apg. 2, 1-41). Das Herabkommen des Heiligen Geistes ereignet sich 50 Tage nach der Auferstehung Jesu Christi und erfüllt das Versprechen des Herrn, dass er den Jüngern den Tröster und den Geist der Wahrheit nach seiner Himmelfahrt vom Vater her senden wird (Joh. 16, 5-13; vgl. Joh. 14, 16; 14, 26). Wahrheit und Trost brauchen wir in diesen Krise-Zeiten mehr denn je. Darum hat in diesem Jahr das Pfingstfest für die gesamte Christenheit und für die christlichen Kirchen in der Schweiz eine besonders tiefe Bedeutung.

Von Prof. Dr. Georgiana Huian, Institut für Christkatholische Theologie Bern, im Auftrag der
AGCK Schweiz

In diesen Zeiten kann sich die Frage neu stellen: Was ist die Kirche, die am Pfingsten gegründet wurde? Einige frühchristlichen Schriften (wie z.B. „Der Hirte des Hermas“) betonen, dass die Kirche als erstes Geschöpf am Anfang der Welt geschaffen wurde und dass sie dem Endpunkt, dem Sinn und dem Zweck des ganzen Kosmos entspricht. Nicht nur der Mensch hat eine „eucharistische“ Berufung, die in der Gemeinschaft der Kirche mit Gott und mit den Mitmenschen erfüllt wird, auch die ganze Welt ist so geschaffen, dass durch sie die göttliche Güte und Schönheit ausstrahlt.

Die ganze Schöpfung soll Kirche werden und sich ihrem Schöpfer liturgisch zuwenden. In Zeiten der Krise können wir daher neu verstehen lernen, wie das Herz der Kirche in der Hoffnung des ewigen Lebens für die ganze Welt schlägt, und wie der Heilige Geist der Kirche immer wieder die Kraft der Liebe gibt (Rom. 5,5).

An Pfingsten sind wir eingeladen an die Wirkung und an die Gaben des Geistes zu denken. Die vielen verschiedenen Gaben des Geistes bewirken die Einheit und Fülle der Wahrheit in der Kirche. „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.“ (1. Kor. 12, 4). Der eine Geist, der uns das Leben in Christus schenkt, ist der „allheilige, gütige und lebensspendende Geist“, wie er in der orthodoxen Liturgie zusammen mit dem Vater und dem Sohne gepriesen und angebetet wird.

Die Frucht des Geistes wirkt gerade in einer Situation, wo die ganze Welt mit der Verletzlichkeit und Vulnerabilität von uns Menschen konfrontiert ist. Der Geist wirkt heilend, tröstend und stärkend: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, und Selbstbeherrschung“ (Gal. 5, 22-23).

Als Menschen können wir an Pfingsten unsere Krise(n) vor den Tröster bringen. Wir können sie in die Hände des Trösters legen, damit er die Heilung, die vom Christus medicus ausgeht, in uns bewirkt. Bringen wir unsere menschlichen Fragen, Unsicherheiten, Ungewissheiten, unsere Krankheiten oder unser „Krank-werden-können“ vor den Geist der Wahrheit, der Einheit, der Liebe und Güte.

Denn er kann die menschliche Begrenztheit und Verwundbarkeit ins Leben und in Freude umwandeln. Er kann das Menschsein von der Tiefe her und bis in die Tiefe zur Heilung und Vollendung bringen, und diese Tiefe mit der Tiefe Gottes in Verbindung und Gemeinschaft setzen, weil er der Geist der göttlichen Tiefe ist
(1. Kor. 2, 10-11).

Im Wirken des Heiligen Geistes begegnen sich die Schönheit des Trostes und die Tiefe des Friedens. Serafim von Sarow, ein russischer Heiliger der orthodoxen Kirche des 18.-19. Jahrhunderts, sagte, dass der Sinn und Zweck des christlichen Lebens die Erlangung des Heiligen Geistes sei. Denn der Heilige Geist bringt uns den Frieden des Erlösers, der eine wunderbare Ausstrahlung hat: „Erlange den inneren Frieden, und Tausende um dich herum werden das Heil finden.“

Denken wir daran, wie wichtig diese Ausstrahlung gerade in der heutigen Krise ist – und wie wesentlich sie in jeder Krise bleibt. In der Kirche Christi schenkt die unsichtbare Wirkung des Heiligen Geistes immer wieder neu die unaussprechliche Kraft von Gott.

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