Vor 100 Jahren, 1919, veröffentlichte der reformierte Schweizer Theologe Karl Barth eine revolutionäre Interpretation des Römerbriefes, die ihm sofort internationalen Ruhm einbrachte. Karl Barth ist einer der grössten Theologen des 20. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, dessen wechselvolle Geschichte – Nazizeit und Zwei-Weltkriegen, kirchlich das Zweite Vatikanische Konzil – grossen Einfluss auf sein Denken hatte. Barth äusserte sich zu allen theologischen Themen und damit auch zur Ökumene. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK.CH) hat dieses Jubiläum auf ihre Weise gefeiert, indem sie den Theologen Matthias Wüthrich, Assistenzprofessor an der Universität Zürich und Barth-Spezialist, einlud, „Barth und die Ökumene“ an ihrer Plenarversammlung am 18. September 2019 vorzustellen. Es folgte eine Diskussion über das Einheitsmodell, das die Kirchen der AGCK.CH pflegen. Karl Barth redet auch 50 Jahre nach seinem Tod noch zu uns!

Theologisches Programm in zwei Wörter: Jesus Christus
Das theologische Programm von Karl Bart lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: die christliche Theologie entfalttet sich allein von Jesus Christus her und auf Jesus Christus hin. Barth lehnte die natürliche Theologie heftig ab, eine Theologie, die andere Quellen der Offenbarung gelten lässt, die dem Menschen erlaubt, Gott in der Natur, in der Vernunft, aus dem Gewissen, in der Geschichte oder in bestimmten Institutionen – wie z.B. Staat oder Ehe – zu erkennen oder zu finden. Diese grundsätzliche Ablehnung zielte auf die katholische Theologie (mit ihrem Prinzip der „analogia entis“, der Wesensanalogie, die Barth für die Erfindung des Antichrist hielt), aber auch auf die liberale evangelische Theologie (seit Schleiermacher) und die in den 10er und 20er Jahren und im Nazi-Deutschland stattfindende Vergöttlichung des (deutschen) Volkes. Was hätte Barth heute über den Aufstieg des rechten und linken Populismus in Europa zu sagen?

Die Ökumene der Freundschaft, des Lachens und der Busse
Karl Barths Freundschaft mit dem niederländischen Theologen Willem Visser’T Hooft (1900-1985) hat ihn stark beeinflusst (und umgekehrt). Bereits 1925 beteiligte sich Visser’T Hooft an den ersten ökumenischen Bewegungen und wurde 1948 zum ersten Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Barth hielt das einleitende Hauptreferat an der ersten ÖRK-Vollversammlung in Amsterdam und hat sich intensiv an der Kommissionsarbeit beteiligt. Damals erkannte er die Beziehung der Kirchen zum Judentum, zum Volk Israel (im biblischen Sinne!) als „die eine grosse ökumenische Frage“.

In den späten 1950er Jahren begann sich Barth für den Katholizismus zu interessieren. Er pflegte Beziehungen zu grossen Theologen wie Hans Urs von Balthasar, dem Jesuiten Henri Bouillard oder Hans Küng. Ein Besuch in Rom 1966 führte ihn dazu, eine (römisch-katholische) Kirche – kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils – zu entdecken, eine Kirche, die in eine „sicher echte und nicht rückgängig zu machende Bewegung geraten ist“. In Rom ist er so vielen Christenmenschen begegnet, mit denen er „in aufrichtigem Ernst reden, aber auch herzlich lachen konnte“. Karl Barths Sinn für Humor war in der Tat sprichwörtlich. Karl Barth zeigte in seinem Bericht über seine römische Reise, dass er „situativ“ durchaus seine Ansicht revidieren konnte. Seine eigene Art, Busse zu tun?

An jede Kirche, „ihren“ Herrn!
Für Karl Barth macht die Konversion von einer Kirche zur anderen keinen Sinn. Konversion kann einen Sinn nur haben, „wo sie die gewissensmässig notwendige Gestalt von Konversion nicht zu einer anderen Kirche sondern zu Jesus Christus, dem Herrn der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche ist“. Es gibt keine theologische, keine geistliche und auch keine biblische Rechtfertigung für die Spaltung der Kirchen, die Barth nicht scheut, als Skandal zu bezeichnen. Vielfalt der Kirche als solche ist nicht, wie einige es behaupten, Reichtum, sondern Defizit. Sie stellt ein Gegenzeugnis dar zu dem, was Christen bekennen: einen einzigen Herrn! Die Spaltung der Kirche ist theologisch Sünde, an der jeder Christmensch nur in ständiger Busse denken kann, ohne darauf zu warten, dass andere dies vor ihm tun oder ihre (grössere) Verantwortung (Schuld) anerkennen.

Welches ökumenische Modell?
Karl Barth lehnt daher die Vision der Einheit in der Vielfalt, in der versöhnten Verschiedenheit, der geglaubten unsichtbaren Einheit oder das Prinzip der überkonfessionellen Einheit oder einer Rückkehrökumene ab. Sein Modell ist dynamisch, situativ – da, wo Christen sind – und immer und nur christozentrisch. Die Konvergenz der Kirchen geschieht nicht in der direkten Beziehung zu den anderen Kirchen, sondern vermittelt über die ihnen gemeinsame Beziehung zu Jesus Christus. Die Kirche und die Christenmenschen müssen akzeptieren, „über sich verfügen zu lassen“, denn Jesus Christus ist in seiner Macht die Einheit. Die Einheit wird im gemeinsamen Bekenntnis und Zeugnis sichtbar, wie es Christinnen und Christen der Bekennenden Kirche in den 1930er Jahren taten, auch unter Lebensgefahr.

Aus der anschliessenden Diskussion in der Plenarversammlung ergaben sich viele Fragen und Aussagen:

  • Die orthodoxe Theologie ist sehr stark auf den Heiligen Geist ausgerichtet. Welchen Platz können die Orthodoxen in einem so ausschließlich christozentrischen Ökumene-Modell finden? Einheit ohne Orthodoxie ist einfach undenkbar.
  • Warum schreitet die Ökumene nur dann voran, wenn die Kirchen einerseits einen gemeinsamen Feind identifizieren (Nazismus für die Bekennende Kirche in Barths Mannesjahren) oder andererseits ihre finanziellen Mittel sinken? Ist das nicht auch Teil des Skandals, den Barth anprangert?
  • Sicherlich kann man der institutionellen Ökumene kritisch gegenüberstehen. Einheit ist nur sichtbar, wenn Christinnen und Christen gemeinsam feiern, beten und bezeugen. Leider erleben einige Gemeindeleiter, dass ihre Gemeindemitglieder nicht an ökumenischen Feiern teilnehmen. Eigentlich sind wir alle für die Ökumene, aber vor allem für andere!
  • Es bedurfte der institutionellen Annäherung und des Dialogs, um den Boden dafür zu bereiten. In der Schweiz tragen nationale und kantonale ökumenische Plattformen seit ihrer Gründung in den 1960er Jahren dazu bei. Internationale Gremien wie der ÖRK haben ebenfalls zur Klärung theologischer Unterschiede beigetragen und werden dies auch weiterhin tun. Theologinnen und Theologen leisten ihre Arbeit und schlagen konkrete Instrumente für Gemeinschaften und Kirchenleitungen vor (siehe Publikationen der Groupe des Dombes). Man kann jedoch nicht umhin, eine gewisse Frustration zu spüren: Was tun die kirchlichen Institutionen, um auf das Leid zu reagieren, das durch Spaltungen verursacht wird? Was tun sie, um das gemeinsame Glaubensleben zu fördern, Stichwort: Eucharistische Gastfreundschaft? Was ist das Ziel der Ökumene im Jahr 2019? Wo ist die Nachfolge in den Institutionen?
  • Das grösste Problem ist heute die Konkurrenz, die die Kirchen unter einander befeuern.
  • Die Präambel der Statuten der AGCK.CH ist weiterhin relevant: „Im Glauben an den einen Herrn Jesus Christus, Retter der Menschen, Haupt der Kirche und Herr der Welt, besteht eine Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK.CH). Sie will die in Jesus Christus begründete und bestehende Einheit der Kirchen auf der Grundlage der Heiligen Schrift bezeugen…“ Das Oecumenica-Label, das die AGCK.CH an lokale Projekte vergibt, ist ein Instrument, um die Einheit sichtbar zu machen.

Fazit: Unsere Hoffnung ist in Jesus Christus und Jesus Christus handelt durch die Menschen, die Barth manchmal als Partner Gottes bezeichnet hat. Wir brauchen heute vermehrt eine mutige Inkarnation!

Anne Durrer, Generalsekretärin der AGCK.CH

Handout zum Vortrag Prof. Dr. Wüthrich